Deutschland ist zu sehr auf Industrie und Technik fixiert

Gast-Kommentar von Uta Meier-Gräwe im Handelsblatt vom 05.01.2021
In der Coronakrise erleben wir, welche Arbeiten wirklich essenziell sind. Konsequenzen hat das bisher nicht, Care-Arbeit wird weiter als sozialer Luxus dargestellt.

Beinahe täglich äußern sich Entscheidungsträger aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu den Konsequenzen aus der Coronakrise. Dabei überwiegt nach wie vor das Primat der Industrie.

Friedrich Merz, einer der Kandidaten für den CDU-Vorsitz und die Kanzlerschaft, wartete schon im Frühjahr mit der Empfehlung auf, dem produktiven Gewerbe nach Corona absolute Priorität einzuräumen.

Es mutet schon fast paradox an, dass nach dem ersten Lockdown die These des Freiburger Wirtschaftswissenschaftlers Bernd Raffelhüschen unwidersprochen blieb, „wir leben nicht davon, dass wir uns gegenseitig umeinander kümmern, sondern davon, dass wir ökonomischen und technischen Fortschritt generieren“.

Besagten unsere Erfahrungen damals nicht etwas ganz anderes? Dass fast alles heruntergefahren werden kann, nur nicht die Arbeit, die mit der unmittelbaren Sorge für das tägliche Leben zu tun hat: die Gesundheitsversorgung, die Betreuung von Kindern und hilfebedürftigen Menschen oder die Sorge für die täglichen Nahrungsmittel und Hygiene?

Industriegetriebenes Wachstum ist nicht systemrelevant

Die Industrie- und Technikfixierung hat in Deutschland eine lange Tradition. 1994 formulierte der ehemalige Arbeitgeberpräsident Hans-Olaf Henkel, dass wir nicht auf Dauer davon leben könnten, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden. Abgesehen davon, dass niemand so etwas je behauptet hat, griff der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder diese verunglückte Metapher im Bundeswahlkampf 2002 bei einem Auftritt vor den Opelianern erneut auf, um die Vorrangstellung der Industrie zu betonen.

Wer in Deutschland Autos oder Parkhäuser baut, gilt folglich als Leistungsträger und speist sein Selbstbewusstsein aus der Überzeugung, dass ohne ihn aller Wohlstand im Orkus versänke. Wer sich um pflegebedürftige Alte kümmert, Kindern das Schreiben beibringt oder uns die Haare schneidet, den beschleicht das ungute Gefühl, dass er oder sie eine Art „sozialen Luxus“ produziert, der von den Auto- und Parkhausbauern mitfinanziert wird.

Das ist aber vollkommen falsch, wie uns doch diese Pandemie gelehrt hat: Die nicht oder schlecht bezahlte Care-Arbeit in privaten Haushalten, im öffentlichen Dienst und in Unternehmen bildet das Fundament unseres Wirtschaftssystems und muss endlich den Stellenwert erhalten, der ihr zukommt.

In den ersten Monaten der Pandemie wurde uns schlagartig klar, wer hier eigentlich den Laden zusammenhält. Das allabendliche Klatschen vom Balkon war ehrlich gemeint. Doch was ist seither über solche Symbolik hinaus passiert? Herzlich wenig.

Deshalb ist eine Neukonzeption von Wirtschaft überfällig, in der die wechselseitige Abhängigkeit von (ver-)sorgenden Dienstleistungen und industrieller Produktion verankert wird. Und zwar auf Augenhöhe. Ein pandemieresistentes Wirtschaftssystem kommt um diese Erkenntnis nicht herum. Dazu müsste im Bundeskanzleramt ein Care-Gipfel stattfinden.

Link zum Beitrag im Handelsblatt.

Über die Autorin

Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung – Leitung des Kompetenzzentrums „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (2013 bis 2018), ist Mitglied der Sachverständigenkommission zur Erstellung des Siebten Familienberichts der Bundesregierung sowie des Ersten und Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung, Mitglied der Familienpolitischen Kommission der Heinrich-Böll-Stiftung e. V. Berlin.

Prof. Meier-Gräwe setzt sich besonders für die Gleichstellung, vor allem für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit  in den Sorgeberufen, für eine Verringerung von Kinder- und Familienarmut sowie für Nachhaltigkeit ein.

Teilen

Related Posts