Hauswirtschaft als gemeinsame Aufgabe!

Ergebnisse des Hauswirtschaftsgipfels vom 30. März 2022.

 


Starke Stimmen für die Hauswirtschaft: Landtagspräsidentin a. D. Barbara Stamm (2. v. r. n. l.), BBV-Landesbäuerin Anneliese Göller, Judith Regler-Keitel, Leiterin des Kompetenzzentrums Hauswirtschaft, stellvertretende Landrätin des Landkreises Straubing-Bogen Barbara Unger, sowie die Organisatorinnen Brigitte Tarras (r.) und Karolin Aigner (l.)

München/Bogen, 6. April 2022: Nicht einmal ein Klatschen gab es für Tätige aus der Hauswirtschaft im Rahmen der Corona-Pandemie. Gleichzeitig gelten sie als systemrelevant. Für eine gelingende Alltagsgestaltung sind hauswirtschaftliche Kompetenzen und Sorgearbeit unabdingbar. Das hat die größte globale Gesundheitskrise der letzten Jahrzehnte mit voller Wucht gezeigt. Dennoch ist Hauswirtschaft bis heute schlecht bezahlt, erfährt kaum Wertschätzung und führt ein Schattendasein.

Der bkh Berufsverband für Angestellte und Selbstständige in der Hauswirtschaft (bkh) und der Bayerische Bauernverband (BBV) nahmen diesen Missstand zum Anlass und veranstalteten am 30. März einen Hauswirtschaftsgipfel auf dem Bogenberg in Bogen bei Straubing.  Rund 60 Gäste diskutierten Hauswirtschaft vor dem Hintergrund der Pandemie neu. Als Protagonistinnen aus der Politik beteiligten sich u.a. Barbara Stamm, bayer. Landtagspräsidentin a. D., Judith Regler-Keitel, Leiterin des Kompetenzzentrums Hauswirtschaft, und CSU- Landtagsabgeordnete Tanja Schorer-Dremel.

Alltagshelden im Verborgenen

„Hauswirtschaftliche Fachkräfte sind wahre Alltagshelden, die oft unbemerkt im Hintergrund eine abwechslungsreiche Arbeit verrichten“, bringt Barbara Unger, stellvertretende Landrätin des Landkreises Straubing-Bogen, in ihrer Begrüßungsrede die Realität der Hauswirtschaft auf den Punkt. Die Lage ist grotesk: noch in jüngster Vergangenheit von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen gelten hauswirtschaftliche Berufe seit Frühling 2020 plötzlich als „systemrelevant“ und damit wichtig.

Zahlreiche Regelungen, die sich aus den Corona-Schutzverordnungen ergaben, galt es zusätzlich umzusetzen. Ganz zu schweigen von den coronabedingten Sorgen und Nöten der zu begleitenden Personen, die eine Extraportion Einfühlungsvermögen erforderten. Mit der Corona-Pandemie stieg tatsächlich die Wertschätzung für Care-Berufe in der Bevölkerung und in der Politik. Dennoch steht die Branche Hauswirtschaft nach wie vor nicht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. „Dabei ist das bisschen Haushalt vielmehr als Kochen und Putzen und verdient eine angemessene Wertschätzung und Anerkennung in der Gesellschaft“, betont Unger.

Das bisschen Haushalt ist vielmehr als Kochen und Putzen und verdient eine angemessene Wertschätzung und Anerkennung in der Gesellschaft.

Mehr Anerkennung
fordert stellvertretende
Landrätin Barbara Unger
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Hauswirtschaft in die Politik

Landtagspräsidentin a. D. Stamm, selbst in der Kindheit Benachteiligung und Hilfe erfahren, macht sich seit jeher stark für gerechte Verhältnisse, insbesondere für Frauen und in von Frauen dominierten Berufen. Mit einem zwinkernden Auge verrät sie, dass sie mit der Hauswirtschaft quasi seit über 50 Jahren „verheiratet“ ist, da ihr Mann aus der Landwirtschaft kommt und von daher ein großer Bezug zur Hauswirtschaft da ist. Dabei betont Stamm den hohen Stellenwert hauswirtschaftlicher (Sorge)arbeit für das persönliche Wohlbefinden, die Entlastung Angehöriger und die Gesunderhaltung. Als zentralen Punkt macht Stamm auf etwas ähnlich „Unsichtbares“ wie die Hauswirtschaft aufmerksam und fragt: „Wie steht es mit der Ernährung der Seele? Wann und wie tanke ich auf? Daran wird viel zu selten gedacht! Gerade Menschen in helfenden Berufen und im Ehrenamt müssen aber auch mal Zeit für Privates haben, zur Ruhe kommen, regelrecht auftanken können und Wertschätzung erfahren.“ Gleichzeitig appelliert sie in ihrer Rede, sich in der Hauswirtschaft bestmöglich zu vernetzen, verbandlich mit einer Stimme zu sprechen und mit Jung und Alt im Dialog zu bleiben. Selbst vor langer Zeit zur Politik „überredet“ ermutigt Stamm die Anwesenden: „Mischen Sie sich ein in die Politik! Machen Sie das Gute und den Wert der Hauswirtschaft sichtbar!“.

Stamm: „Mischen Sie sich ein in die Politik! Machen Sie das Gute und den Wert der Hauswirtschaft sichtbar!“

Auch die Seele braucht Nahrung“, weitet Landtagspräsidentin
a. D. Barbara Stamm den Blick.

Pflegenotstand ist Hauswirtschaftsnotstand!

Anneliese Göller, BBV-Landesbäuerin in Bayern, greift Stamms Faden auf und verweist auf den hohen Pflegenotstand: „2019 gab es in Deutschland 4,1 Millionen Pflegefälle. 4 von 5 hilfebedürftigen Menschen wollen zu Hause gepflegt und begleitet werden“. Bei weiter wachsendem „Alterspilz“. Dabei ist Pflege ohne Hauswirtschaft undenkbar. Mit Beginn der Pflegebedürftigkeit werden sogar primär hauswirtschaftliche Leistungen wie Nahrungszubereitung, Reinigung und Hygiene, Wäschepflege sowie Alltagsbegleitung nachgefragt. Erst mit fortschreitendem Verlust geistiger oder/und körperlicher Fähigkeiten kommen pflegerische Leistungen hinzu.

4 von 5 hilfebedürftigen Menschen wollen daheim begleitet werden.

Hoher Frauenanteil hat weitreichende Konsequenzen

2020 lag der Frauenanteil in Pflegeberufen bei rund 83 Prozent und im Bereich Hauswirtschaft mit knapp 87 Prozent sogar noch höher. Weiblich besetze Berufe sind nachweislich schlecht bezahlt und führen unweigerlich zu niedrigeren Renten. Altersarmut ist da ebenso vorprogrammiert wie Fachkräftemangel, mahnt Göller. Gleichzeitig leisten Frauen in ihrer „erwerbsfreien“ Zeit laut Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 52,4 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit (Care-Arbeit) als Männer (Gender Care Gap).

Landesbäuerin Anneliese Göller: Primär werden in der Pflege
hauswirtschaftliche Leistungen erbracht!

Sinkende Ausbildungszahlen

Judith Regler-Keitel vom Kompetenzzentrum Hauswirtschaft verweist in ihrem Vortrag auf die große Ausbildungslücke: „Nur 906 Prüflinge gab es 2021 in Bayern im Bereich Hauswirtschaft, 2022 sind die Zahlen weiter rückläufig“. Demgegenüber steht der enorm hohe Fachkräftebedarf durch die steigende Zahl über 80-Jähriger und den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026. Diesem Missstand zu begegnen, hat das Kompetenzzentrum die Kampagne “Entdecke, wie gut du bist” ins Leben gerufen und „Botschafterinnen wie auch Botschafter der Hauswirtschaft“ ernannt. Sie informieren auf Veranstaltungen und unterstützen Beratende in den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Auch die Image-Kampagne des Deutschen Hauswirtschaftsrats e. V. leistet hier große Arbeit.

Botschafterinnen und Botschafter der Hauswirtschaft klären auf und wecken Interesse für die Hauswirtschaft.

Image-Kampagnen in der Berufsorientierung bringen den Wert der Hauswirtschaft jungen Menschen näher, so Regler-Keitel vom Kompetenzzentrum Hauswirtschaft.

Hauswirtschaft ist das Aushängeschild

Pflegedienstleiter Johann Lehner unterstreicht die Rolle von Hauswirtschaft und Pflege in seinem Vortrag und hebt auch die Bedeutung der Hygiene, gerade vor den Erfahrungen der Pandemie, hervor. „Hauswirtschaft ist das Aushängeschild einer stationären Einrichtung. Hygiene, Versorgungsstatus und gepflegtes Äußeres spielen im Kontakt zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern sowie deren Angehörigen eine tragende Rolle. Die große Aufgabe der Zukunft wird es sein den hohen Fachkräftebedarf im Bereich Hauswirtschaft und Pflege zu decken“, so Lehner.

Das Wohlbefinden der Menschen in Pflegeeinrichtungen, aber auch der Ruf der Einrichtung selbst wird maßgeblich durch Hauswirtschaft mitbestimmt.

Der Fachkräftebedarf in Hauswirtschaft und Pflege wird die große Herausforderung der Zukunft, weiß Lehner aus eigener Erfahrung in der Pflegedienstleitung.

Hauswirtschaft trägt uns

„Hauswirtschaft ist Grundlage unserer Gesellschaft. Ihr Versorgungs- und Erholungswert zieht sich wie ein tragendes Netz durch alle Lebensbereiche“, betont Brigitte Tarras, stellvertretende bkh-Vorsitzende, in ihrer Rede. Mit einem gekonnten Blick zurück nach vorn weitet Sie den Blick aufs Ganze und erklärt: „Hauswirtschaftliche Kompetenzen und Sichtweisen, wie sie in der Herkunftsfamilie und im sozialen Umfeld erlebt und vermittelt werden bilden eine wichtige Grundlage für zukünftige Entwicklungen und auch für die berufliche Orientierung.“

Hauswirtschaftliche Kompetenzen und Sichtweisen, wie sie in der Herkunftsfamilie und im sozialen Umfeld erlebt und vermittelt werden bilden eine wichtige Grundlage für zukünftige Entwicklungen und auch für die berufliche Orientierung.

Hauswirtschaft bietet vielfältige berufliche Möglichkeiten, die für Männer wie Frauen bestens geeignet und persönlich erfüllend sind, bekräftigt die stellvertretende bkh-Vorsitzende Tarras aus voller Überzeugung.

Hauswirtschaft in Pflegesettings

Ein modernes Deutschland geht nur mit angemessener Einbeziehung und Entlohnung der Hauswirtschaft in allen Bereichen. Das gilt auch für die stationäre und ambulante Versorgung“, fordert Tarras mit Verweis auf das vom Deutschen Hauswirtschaftsrat e. V. und dem Deutschen Pflegerat e. V. gemeinsam erstellte Konzept „Anforderungen, Leistungen und Qualifikationen von Hauswirtschaft und Pflege in unterschiedlichen Settings“. Hintergrund ist ein Auftrag aus der Konzertierten Aktion Pflege (KAP). Dieser beinhaltet, die Berufsgruppe der Hauswirtschaft zu stärken und gleichzeitig Entlastungspotenziale für die Berufsgruppe der professionell Pflegenden zu identifizieren. Die acht Settings beziehen sich auf Krankenhäuser, stationäre Pflegeeinrichtungen mit unterschiedlichen Konzepten, die häusliche Haushalts-, Kranken- und Pflegehilfe und auf die Privathaushalte als Selbstzahler. Erfreulicherweise werden mittlerweile bei der Feststellung des Pflegebedarfs auch hauswirtschaftliche Bedarfe erhoben. Wenig erfreulich ist dabei, dass diese anschließend nicht oder nur unzureichend bei der Leistungsbewilligung berücksichtigt werden, bemängelt Tarras.

Die Stärkung der Hauswirtschaft ist im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90 / Die Grünen und FDP

Stärkung der Hauswirtschaft als gemeinsamer Auftrag

Im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90 / Die Grünen und FDP ist die Bekämpfung von Schwarzarbeit und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf verankert. Unter anderem wird darin ein Zulagen- und Gutscheinsystem für die Inanspruchnahme von haushaltsnahen Dienstleistungen in Aussicht gestellt. Durch diese Zuschüsse könnten Familien und hier vor allem Frauen entlastet und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. Zudem können die Zuschüsse haushaltsnahe Dienstleistungsunternehmen stärken und die weitverbreitete Schwarzarbeit in Privathaushalten bekämpfen. „Leider gibt es derzeit nicht genügend Fachpersonal“, beklagt Tarras, selbst ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin, die mit Leib und Seele Hauswirtschaft lebt. „In allen Feldern der sozialen Arbeit, hier möchte ich die Hauswirtschaft mit einschließen, wächst die Erkenntnis, dass Beteiligung, soziales Eingebundensein, Gesundheit, Wohlergehen und damit Lebensqualität in enger Verbindung zu hauswirtschaftlichem Handeln stehen. Hauswirtschaft bietet vielfältige berufliche Möglichkeiten, die für Männer wie Frauen bestens geeignet und persönlich erfüllend sind. Ich kann dies aus voller Überzeugung bestätigen“, schließt Tarras ihren Vortrag.

Gemeinsamen Forderungen zur Förderung der Hauswirtschaft

1. Hauswirtschaft muss als reguläre, professionelle Erwerbsarbeit gesellschaftlich anerkannt werden.

2. Gute Ansätze wie die Fortbildung zur Fachhauswirtschafterin müssen wieder aufgegriffen und entsprechend honoriert werden.

3. Die Aus- und Fortbildung in der Hauswirtschaft muss sich finanziell lohnen.

4. In der Hauswirtschaft muss es attraktive und gut bezahlte Aufstiegsmöglichkeiten geben.

5. Das im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung angekündigte Zulagen- und Gutscheinsystem für die Inanspruchnahme für haushaltsnahe Dienstleistungen muss in der aktuellen Legislaturperiode umgesetzt werden.

Wir unterstützen ausdrücklich das Positionspapier des Deutschen Hauswirtschaftsrats zur Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen vom 22. März 2022.

Podiumsdiskussion

In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Leitung von Maria Biermeier, BBV-Bezirksbäuerin in Niederbayern, diskutierten Irene Waas, BBV-Kreisbäuerin Dingolfing-Landau, Sieglinde Ausfelder, selbstständig im Bereich haushaltsnahe Dienstleistungen und stellvertretende bkh-Vorsitzende, Jeannine Böttcher, Inhaberin der Münchner Familienagentur Starfamily, Pia Hopfenwieser, Reinigungsdienstleiterin bei den Rottal-Inn-Kliniken, und Maike Kampf, Schülerin an der Hauswirtschaftsschule Mitterfels. Die Diskussion zeigte: Für eine erfolgreiche Verwirklichung der gemeinsamen Forderungen braucht es genau diese Zusammenarbeit zwischen Verbänden und Politik.  Deutlich wurde auch, wie wichtig es ist, gute Fürsprecherinnen und Fürsprecher wie die hier Anwesenden zu haben. In einem Schlusswort bezieht Landtagspräsidentin a. D. Stamm noch einmal Stellung und betont, dass nur mit zunehmender Wertschätzung der Hauswirtschaft ein Umdenken in der Gesellschaft und Änderungen möglich sein werden.

Zum Abschluss bedanken sich Brigitte Tarras und Karoline Aigner, Organisatorinnen der Kooperationsarbeitstagung zwischen bkh und BBV, für die rege Beteiligung und wünschen einen guten Nachhauseweg.

Einladung zu weiterer Zusammenarbeit

Ein Ergebnis des Hauswirtschaftsgipfels ist die Einladung durch CSU- Landtagsabgeordnete Schorer-Dremel zu einem Arbeitskreis in den Bayerischen Landtag am 10. Mai 2022. Hierbei wird Brigitte Tarras, stellvertretende bkh-Vorsitzende, die Schwerpunkte der hauswirtschaftlichen Anliegen aus professioneller Sicht vorstellen. Damit ist gewährleistet, dass der hauswirtschaftliche Fachverstand angemessen berücksichtigt wird.

Fotos: Marion Sänger

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