Die Niedriglohnstrategie macht aus Deutschland eine Dienstleistungswüste

Gast-Kommentar von Uta Meier-Gräwe im Handelsblatt vom 07.12.2020

Viele Produkte sind im Überfluss erhältlich. Es mangelt jedoch eklatant an wichtigen Dienstleistungen – beispielsweise in der Pflege.

Mein Smartphone versucht mich täglich zum Kauf von Schokolade, Klamotten, Wohnaccessoires und Traumautos zu animieren, obwohl ich das meiste davon in meinem Alter einfach nicht brauche. Bücher kann ich zwar schon eher gebrauchen. Aber muss es gleich eine digitale Bibliothek aus 300.000 E-Books und 10.000 Hörbüchern für 19,99 Euro im Monat sein?

Vor allem im Internet werden Produkte im Überfluss angeboten. Anders verhält es sich jedoch bei Dienstleistungen: Meine alleinerziehende Freundin sucht vergeblich nach einer verlässlichen Kinderbetreuung für ihre kleine Tochter in den Morgenstunden, um selbst pünktlich ihren Dienst als OP-Schwester antreten zu können.

Unser Nachbar bemüht sich seit Monaten verzweifelt um einen Platz im Pflegeheim für seine schwer an Demenz erkrankte Frau. Und das Doppelverdienerpaar von nebenan mit zwei kleinen Kindern hält seit Längerem nach einer vertrauenswürdigen Haushaltshilfe Ausschau.

Es war der französische Ökonom Jean Fourastié, der dem Dienstleistungssektor im 20. Jahrhundert eine große Zukunft vorausgesagt hatte. Er argumentierte, dass die Nachfrage hoch sei und der Markt nicht gesättigt sein könne, zumal Dienstleistungen auch für die Herstellung von Agrar- und Industrieprodukten „absolut unerlässlich“ seien.

Coronakrise macht Problematik deutlich

In der Tat gibt es heute einen stetig steigenden Bedarf an personen- und sachbezogenen Dienstleistungen im Beherbergungs- und Gastronomiegewerbe, in den Gesundheits-, Erziehungs-, Sozial- und Pflegeberufen sowie in der Hauswirtschaft. Dieser Care-Sektor wird 2030 den mit Abstand größten Berufsbereich ausmachen.

Wie katastrophal unterfinanziert viele dieser Bereiche sind, hat die Corona-Pandemie einer breiten Öffentlichkeit stärker als je zuvor bewusst gemacht. So zeichnen die Pflege und den Einzelhandel, die ja nicht nur im Lockdown „den Laden am Laufen“ halten, seit Jahren Arbeitsverdichtung, Überlastung, Personalmangel und grottenschlechte Löhne aus.

Jetzt rächt sich, dass die Ausweitung des Dienstleistungssektors hierzulande vor allem über eine Absenkung der Arbeitskosten – Stichwort „schlanker Staat“ – vorangebracht wurde. Das geschah oft unter Berufung auf den amerikanischen Ökonomen William Jack Baumol, der den Care-Dienstleistungen per se eine „Kostenkrankheit“ attestierte und sie als „stagnierenden“ Sektor abwertete.

Mit dem Festhalten an dieser fatalen Strategie werden wir jedoch aus der Corona-Pandemie nicht herauskommen. Schluss also mit der ökonomischen Blindflugthese, dass erst Industrie und Handwerk wieder richtig laufen müssen, bevor man Care-Arbeit angemessen finanzieren könne.

Care-Dienstleistungen sind Voraussetzung für eine gut laufende Wirtschaft. Sie müssen in Zukunft über Digitalisierungsgewinne und Produktivitätsfortschritte mitfinanziert werden. Anders werden auch künftige Pandemien nicht gut zu bewältigen sein.

Link zum Beitrag im Handelsblatt

Über die Autorin

Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung – Leitung des Kompetenzzentrums „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (2013 bis 2018), ist Mitglied der Sachverständigenkommission zur Erstellung des Siebten Familienberichts der Bundesregierung sowie des Ersten und Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung, Mitglied der Familienpolitischen Kommission der Heinrich-Böll-Stiftung e. V. Berlin.

Prof. Meier-Gräwe setzt sich besonders für die Gleichstellung, vor allem für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit  in den Sorgeberufen, für eine Verringerung von Kinder- und Familienarmut sowie für Nachhaltigkeit ein.

Teilen

Related Posts